Interview
 

"Ich bin aufgewacht und habe geheult!"

Bettina WäldeZusammen mit ihrem Mann Rainer hat sie viel erreicht. Jahrelang setzten sich die beiden für Typberatung in Deutschland ein. 1997 haben sie sich einen Traum erfüllt und die "TypColor-Akademie" in Solms gegründet. Dann plötzlich ein böser Verdacht, der sich schnell bestätigen sollte: Bettina Wälde hat Krebs und nach dem Ermessen der Ärzte nur noch bis Mitte des Jahres zu leben. Der Schock sitzt tief, die Traurigkeit scheint grenzenlos. Im Januar 1998 laden die Wäldes jedoch Freunde und Bekannte zu einem Dankgottesdienst ein. Trotz körperlichem Verfall hat Bettina Wälde etwas erlebt, was sie selbst als "innere Heilung" beschreibt. Was sie dabei über sich selbst und Gott herausgefunden hat, möchte sie teilen, um andere zu ermutigen. Einige Tage nach dem Gottesdienst hat die Journalistin Gesa Kiel Bettina Wälde zu Hause besucht.


Wann haben Sie gemerkt, daß sie krank sind? Krebs muß nicht weh tun. Bis Mitte November 1997 gab es keine Anzeichen für meine Krankheit. Dann kam mein Geburtstag. Mein Mann und ich hatten gemütlich in einem Lokal gegessen. Anschließend sind wir spazierengehen gegangen. Auf dem Spaziergang bekam ich auf einmal keine Luft mehr. Mein Mann Rainer meinte noch: "Das wird schon wieder." Heute denke ich: Wie gut, daß ich keine Luft mehr bekommen habe. Ohne dieses Erlebnis wäre der Krebs weiter gewachsen und ich hätte es erst gemerkt, als es zu spät war. Ich bin daraufhin zum Lungenfacharzt gegangen, und der überwies mich dann zu eingehenden Untersuchen an die Klinik in Gießen.

Wie sahen die nächsten Schritte aus? Nach den ersten Untersuchungen in der Klinik stand fest, daß ich Krebs hatte. Die Metastasen hatten sich bereits in meinem Kopf und in meiner Leber ausgebreitet. Um mehr über die Art des Krebses herauszufinden, wollte man mich operieren. Natürlich habe ich zugestimmt. Nur war ich über 10 Jahre davor nie im Krankenhaus gewesen. Als mir nun die Ärzte erklärten, daß ich möglicherweise bei dieser Operation sterben könnte, brach für mich eine Welt zusammen. Nach den Voruntersuchungen wurde ich noch einmal für ein Wochenende entlassen, montags fand dann die Entnahme der Gewebeproben statt.

Sie wußten zu diesem Zeitpunkt, daß Sie Krebs haben und daran vielleicht sterben würden. Als Ihnen bewußt wurde, daß es möglicherweise schon nach diesem einen Wochenende zu Ende sein könnte - wie haben Sie und Ihr Mann diese Tage verbracht? Das schockt dich! Da stehst du an der Wand. Uns war es wichtig, ein Testament zu machen und alles zu ordnen. Das ganze Wochenende durch haben wir zusammen geweint. Wir haben uns gesagt, wie wichtig wir uns sind. Das tut man im Alltag viel zu selten. Irgendwann hat Rainer angefangen, mir seine Sünden in bezug auf mich zu bekennen. Ich habe das auch gemacht. Keine großen Sünden, das waren kleine Dinge. Er hat mir zum Beispiel erzählt, wann er sich so richtig über mich geärgert hat, wann er negativ über mich gedacht hat. Das hat so gut getan! Wir haben uns Sachen erzählt, die lagen Jahre zurück. Danach haben wir uns vergeben. Das war so befreiend.

Die Operation verlief gut, wenn auch mit großen Schmerzen. Was ergaben die Untersuchungen? Das Ergebnis kam am 5. Dezember. Ich habe Lungenkrebs mit Metastasen im Kopf, der Leber und den Lymphknoten. Die Ärzte sagten, es dauere vielleicht noch ein halbes Jahr, vielleicht sogar nur zwei Monate. Das war so hart, das so gesagt zu bekommen. Der einzige Lichtblick: diese Art Lungenkrebs spricht mit am leichtesten auf Chemotherapie an. Die Ärzte hatten anhand der Gewebeproben zu diesem Zeitpunkt auch schon ausgetestet, welche Chemotherapie in meinem Fall die wirksamste ist.

Haben Sie damals schon gewußt, was die Chemotherapie für den Körper heißt? Nein. Und ich muß sagen: Nein, zum Glück nicht! Da liegt man im Bett und bekommt die Infusion in den Körper eingeträufelt. Das ist, als ob da oben Meister Proper hängt. Wenig später schmeckt alles nur noch nach Metall. Der Körper riecht nach Metall. Selbst auf der Toilette riecht man nur noch Metall. Und dann die Nebenwirkungen. Bei mir sind gleich alle eingetreten, die auf dem Beipackzettel stehen. Ich habe meine Haare verloren. Meine Finger und Zehenspitzen waren gelähmt und sind es noch teilweise. Ich konnte bis Mitte Februar die Beine nicht mehr bewegen. Der Körper und vor allem mein Gesicht quollen durch das viele Cortison auf. Ganz schlimm war für mich, die Haare zu verlieren. Da verliert man ein großes Stück seiner Weiblichkeit.

Der Körper macht nicht mehr mit. Man erkennt sich selbst kaum wieder, und im Hintergrund tickt die Zeitbombe. Kann man da noch an Gott glauben? Man kann. Ich konnte es lange nicht. Am Anfang habe ich rebelliert. Ich habe Gott Vorwürfe gemacht. Ich habe ihn gefragt: "Gott, warum läßt du das zu? Warum gleich so massiv?" Am Anfang bin ich immer aufgewacht und habe geheult. Ich wurde nicht damit fertig, daß ich dran bin. Manche haben gesagt: "Du mußt glauben!" Das habe ich nicht auf die Reihe gekriegt. Da stand das lebensvernichtende Urteil, und ich sollte akzeptieren, daß Gott das zuläßt. Das konnte ich nicht. Ich konnte mit dem Glauben gar nichts anfangen und wollte es auch nicht. Dann kam meine evangelikale Prägung durch. Ich dachte: "Du hast kein Recht, Gott anzuklagen! Wie kannst du nur?" Von diesem Moment an stritten ständig zwei Stimmen in mir. Stimme eins schrie: "Gott, warum?" Stimme zwei sagte: "Das darfst du nicht!"

Wie ging der Konflikt aus? Heute weiß ich, ich darf auf Gott wütend sein, aber es bringt mich nicht weiter. Ich habe ein neues Verhältnis zu ihm aufgebaut. Mir ist klargeworden, der erste Schritt zur inneren Ruhe führt über das Annehmen meiner Situation. Ganz oft danke ich Gott einfach für alles. Das klingt vielleicht sehr merkwürdig. Ich bin mir aber sicher, Gott hat etwas mit mir vor. Er kann die Krankheit gebrauchen, um mir viele Dinge beizubringen, die ich ohne Krankheit nie gelernt hätte.

Und der Gedanke an Heilung? Der ist stärker denn je. "Annehmen heißt für mich, Gott die Kontrolle zu übergeben. Er kann mich zu sich holen, er kann mich aber auch genauso gut heilen. Ich lerne gerade, Gott zuzutrauen, daß er mich auch heilen kann. Nach den letzten Untersuchungen sind die Metastasen im Gehirn zum Stilstand gekommen und der eigentliche Tumor in der Lunge ist verschwunden. Das ist für uns ein echtes Wunder. Und ich kann wieder gehen, nachdem mein Mann mich noch vor einigen Wochen vom Bett in den Rollstuhl und zurück heben mußte. Gott kann heilen.

Sind Ihnen in der Zeit auch Christen begegnet, die gesagt haben: "Du glaubst ja an Jesus Christus, dann ist doch alles gut!"? Oh ja. Aber ich denke, die sind eben oft hilflos. Trotzdem hat es mich natürlich aufgeregt. Das funktioniert dann etwa so nach dem Motto: "Du bist Christ? Dann kann es ja abgehen in den Himmel. Die Sache mit dem Tod ist geregelt." Quatsch! Es ist gar nichts geregelt. Ich habe hier und jetzt die Schmerzen. Der Kampf um das Überleben ist da. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung. Manchmal geht es mir sehr schlecht. Manchmal ist es besser. Ich lebe hier und jetzt.

Zusammen mit Ihrem Mann haben Sie die TypColor-Akademie aufgebaut. Sie haben Bücher zur Farblehre herausgegeben und legen selbst sehr viel Wert auf Äußeres. Haben sich durch die Krankheit Prioritäten verschoben? Mein Mann wird die TypColor-Akademie weiterführen. Dafür haben wir eine Vision. Wir sind Ästheten, das gebe ich zu. Uns war es immer wichtig, gut auszusehen. Aber das hieß nie, daß für uns nur Äußerlichkeiten zählen. Zuerst kommt immer der Mensch, und wer er ist. Nein, da haben sich keine Prioritäten verschoben. Uns ging es immer um den ganzen Menschen und nicht um den nach einer TypColor-Beratung.

Sie waren nicht immer beliebt in Ihrer Typberatung. An dieser Stelle möchte ich mich entschuldigen. Ich war immer eine Perfektionistin. Ich hatte große Ansprüche an mich. Die habe ich einfach auf die um mich herum übertragen. Die Typberater, die ich ausgebildet habe, sollten die Sachen so machen, wie ich sie gemacht hätte. Damit habe ich die Leute um mich herum überfordert.

Fragen Sie Gott nach Warum der Krankheit? Nicht mehr. Das habe ich am Anfang gemacht. Es ist Blödsinn, danach zu fragen. Das treibt einen nur noch mehr in die Ratlosigkeit und Traurigkeit. Ich glaube, ich habe einige Antworten gefunden, warum die Krankheit ausgebrochen ist. Mir ist sehr viel über mich selbst klargeworden.

Und das wäre? Ich habe immer für andere funktioniert. Unsere Typberatung sollte gut laufen, also habe ich alles getan, um sie voranzubringen. Der ganze Tagesablauf richtete sich nur nach einer Frage: "Was wollen die anderen, das ich tun soll?" Ich habe mir keine Zeit für mich gegönnt und auch nicht für Gott. So funktioniert das bei den meisten heute. Morgens stehen wir auf und danken Gott vielleicht noch kurz für den Tag. Bereits eine Minute später ist er vergessen, weil so viele wichtige Dinge auf dem Plan stehen. Wir arbeiten aus eigener Kraft und fragen nicht, ob er nicht etwas anderes von uns erwartet. Zum Beispiel, daß wir uns Zeit nehmen für eine Tasse Kaffee und ein Gespräch mit ihm.

Ihre Krankheit ist also eine Strafe, weil Sie nicht genug Zeit für Gott hatten? Nein. Sie sagt nur viel über den Lebensstil aus, den ich geführt habe, und den viele andere führen.

Was tut Ihnen rückblickend am meisten weh? Daß ich nie Bedürfnisse hatte. Ich wollte immer nur anderen helfen - natürlich auch, um auf diesem Weg noch mehr Ansehen zu bekommen. Dabei hätte ich doch auch einmal jemanden gebraucht, der mir hilft. Das Schlimme ist, ich hatte nicht einmal das Bedürfnis nach Hilfe. Ist das nicht schrecklich?

Und heute? Ich lerne, bedürftig zu sein. Das ist gar nicht so einfach. Auf einmal bin ich von anderen total abhängig. Ich muß zugucken, wie mein Mann mich pflegt. Es ist schön zu erleben, wie sich andere um einen kümmern. Aber es ist auch sehr fremd. 

Interview: Gesa Kiel für das Magazin NEUES LEBEN (4/98)


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