Erlebt
 

Felicitas Rose
Wenn der Glaube real wird

Nachtrag Mai 2003

Walter Rose, 1994:
Die Bibel hat doch recht?
Es schien alles so einfach. Da stand es doch schwarz auf weiß in der Bibel: "Bittet, so wird euch gegeben...". - "Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun." - "Alles, was ihr bittet im Gebet, werdet ihr empfangen, wenn ihr glaubt" (Lukas 11,9; Johannes 14,14; Matthäus 21,22). Ich war von der Zuverlässigkeit dieser biblischen Zusagen überzeugt, auch was meine persönlichen Probleme betraf. Ich hatte einfach beschlossen, ohne jeden Zweifel daran festzuhalten. Gläubige Verwandte und Freunde bestärkten mich, christliche Literatur ermutigte mich.

Eine gewisse Aussicht auf Rettung

Mein Problem, das war die Leukämiekrankheit unserer kleinen Tochter Annetraud. Die Diagnose, erstmals 1966 gestellt, bedeutete nach dem damaligen Stand der Medizin beinahe ein sicheres Todesurteil, denn es gab noch keine Medikation, mit der man erkrankte Kinder mehr als zwei bis drei Jahre am Leben erhalten konnte. Aber - so sagte der Arzt - man stünde kurz vor einem Durchbruch in der Forschung. Also gab es - auch menschlich kalkuliert - eine gewisse Aussicht auf Rettung. Intensives und treues Gebet und auch die Fürbitte vieler Menschen - mußte Gott das nicht erhören?
Es kam anders. An einem Sonntagmorgen, als ich die damals Vierjährige aus der Universitätsklinik abholen wollte, wo sie nach einer Krise angeblich wiederhergestellt war, fand ich sie bereits sterbend vor. Und das nach zweijähriger Krankheit mit viel Auf und Ab.

Was hatte ich falsch gemacht?
Für mich begann eine der schlimmsten Prüfungen meines Lebens, denn ich geriet von allem menschlichen Schmerz einmal abgesehen, in fürchterliche Glaubensanfechtungen. Auf einmal schienen alle diese Verheißungen widerlegt.
Und nicht nur das: Ich begann auch an den Grundlagen und Voraussetzungen meines 30jährigens Glaubenslebens zu zweifeln. Was stimmte denn nun noch an der Bibel? Und wozu taugte Gebet, wenn es doch nicht erhört wurde? Hatte ich etwas Wesentliches falsch gemacht?
Die Krise dauerte über ein halbes Jahr, und ich sah keinen Ausweg. Von nirgendwo erhielt ich Antworten, die mich einigermaßen weitergebracht hätten, weder von gläubigen Verwandten und Freunden, noch von Geistlichen oder aus dicken Büchern. Es ging durch ein finsteres Tal ohne Lichtblick.

Was ist zwei mal zwei?
Nicht einmal zum Gottesdienstbesuch hatte ich noch Lust. Auch das Buch Hiob, das ich immer wieder las, gab mir keinen Trost. Bildlich gesprochen, begann ich zu prüfen, ob zwei mal zwei wirklich vier ist. Ich mußte noch mal ganz von vorn anfangen - mit der Bibel, mit Gott, mit Jesus. Und ich kam schließlich an den Punkt, wo ich wie Petrus ausrief: "Herr, wohin soll ich gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens." (Johannes 6,68)

Zum zweiten Mal Christ
Von da an begann ich, allmählich wieder aus dem Tal heraufzusteigen und gewissermaßen ein zweites Mal Christ zu werden. Ich habe nicht auf alle meine Fragen Antwort gefunden. Ich habe sogar einsehen müssen, daß Gott uns in manchen Dingen bewußt im Dunkeln tappen läßt. Er ist souverän. Er kann
auch die Erfüllung von Bitten verweigern; und nicht immer erfahren wir, warum er so oder so entscheidet. Aber es gilt auch dann seine Zusage, daß er über uns Gedanken des Friedens und nicht des Leides hat; daß er, wenn wir ihn von ganzem Herzen suchen, unser schweres Geschick wenden will (Jeremia 29).

Ganz anders beten
Er läßt uns so - und zwar nicht nur durch die Schrift - in sein liebendes Vaterherz blicken. Das kann dazu führen, daß wir ganz anders als vorher beten und bitten. Dann werden wir bereit, unsere Wünsche zurückzustellen zugunsten seiner alles übergreifenden Pläne, deren Größe wir Menschen in
unserer Begrenztheit nicht erfassen können. Ich habe mich damals ganz neu Jesus zugewandt und ihn gebeten, mich herauszuretten aus Zweifeln und Verzagtheit. Er hat es getan.

"Sie leiden an Plasmozytom."
Letztlich bin ich aus der Krise gestärkt hervorgegangen - bis mich Jahre später erneut eine ähnlich erschütternde Nachricht erreichte: Die Diagnose, nach einer eher routinemäßig veranlaßten Blutuntersuchung, war ebenso unerwartet wie schockierend.
"Sie leiden an Plasmozytom, einer dem Krebs verwandten Krankheit, die zwar behandelbar, aber nicht heilbar ist."
"Dann weiß ich also meine künftige Todesursache?"
"Nicht unbedingt", so die leicht ironische Antwort der Ärztin. "Bis die Krankheit voll ausbricht, kann es noch ein paar Jahre dauern. Und natürlich können Sie auch an etwas ganz anderem sterben."
So das Gespräch vom Frühjahr 1985.

Eine tückische Krankheit
Sieben Jahre später, nach einer schweren Infektion mit hohem Fieber, trat das Plasmozytom unvermittelt in das entscheidende Stadium III, von wo aus es nach ärztlicher Aussage nur noch "Stagnation" und "Progression" geben würde, das heißt, unter gewissen Umständen bestenfalls ein vorübergehendes Beharren auf der jeweiligen Stufe, danach schubartig eine Verschlechterung, bis...
Solche Verschlechterungen sind dann bei mir von Jahr zu Jahr deutlicher geworden. Das Plasmozytom ist eine in den Knochen, vor allem der Wirbelsäule, nistende Erscheinung, deren Ursache niemand kennt. Die Krankheit ist nicht erblich und nicht übertragbar. Eine körperfremde Plasmaschicht "verkleistert" gewissermaßen die Knochenwandung von innen und behindert so einerseits die ordnungsgemäße Blutneubildung, andererseits verfällt die Knochenstruktur, weil sie entkalkt und damit porös wird.

Wie lange lebe ich noch?
Dadurch besteht eine ständige, immer mehr zunehmende Bruchgefahr. Über zwanzig Knochen weisen bei mir mittlerweile solche "pathologischen Brüche" auf: Brust- und Lendenwirbel, das Brustbein, die Rippen, der Oberschenkelhals, ein Mittelfußknochen. Natürlich verursachen diese Schäden Schmerzen, die aber bald weitgehend wieder abebben.
Ich bin gehbehindert und gelte als 100% schwerbeschädigt. Bluttransfusionen sind mehr oder weniger regelmäßig erforderlich, dazu wird in kurzen Abständen Chemotherapie angewandt, mit sehr unangenehmen Nebenwirkungen, zum Beispiel Luftmangel, großer körperlicher Schwäche, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Haarausfall und anderem. Ich mußte mich mit 63 vorzeitig aus dem Berufsleben verabschieden. Meine Lebenserwartung ist äußerst gering. Laut Aussage des mich behandelnden Onkologie-Professors, den ich um ein offenes Wort bat, ist es fraglich, ob ich den nächsten Jahreswechsel noch erlebe.

Das Leben hat so oder so ein Ende
Soviel über meinen gesundheitlichen Status und meine Zukunftsaussichten aus dem Blickwinkel der Mediziner.
"Wie kannst du denn mit einer solchen Voraussage leben?" fragte mich mein Pfarrer, fragen mich Verwandte und Freunde, die sich in meine Lage zu versetzen versuchen und die treu für mich beten.
Ich bin ein Kind Gottes und weiß mich in der Hand meines Herrn, im Leben und im Sterben. Doch dieser Glaube wird erst dann real, wenn der entscheidende Zeitpunkt näher vor Augen rückt. Ich kann ja, wenn Gott es will, morgen schon, zum Beispiel nach einem Kreislaufzusammenbruch, tot sein; ich kann
heute noch von einem Fahrzeug erfaßt werden und ums Leben kommen. Darf einen Menschen, der in ständiger Verbindung zu seinem Vater im Himmel steht, diese Aussicht erschrecken? Unser Leben hat doch einmal - so oder so - ein Ende, das Gott bestimmt. Warum sollte die Ursache nicht Krebs oder etwas Ähnliches sein?

Der nahe Tod motiviert
Warum, ja warum? Diese Frage hat mich bei Krankheitsbeginn oft bewegt, ohne daß ich eine Antwort fand. Sie steht mir, wie ich meine, auch nicht zu. Deshalb habe ich aufgehört, sie mir weiter zu stellen. In gewisser Hinsicht bin ich sogar dankbar für die Aussicht, daß mir der Tod nähergekommen ist, denn ich habe auf diese Weise die Motivation gewonnen, manches Projekt abzuschließen, manches in meiner Vergangenheit noch einmal aus dem "Blickwinkel der Ewigkeit" zu überdenken und zu bereinigen. Ich möchte diesen oder jenen um Vergebung bitten, mich von einigem lösen, anderes geordnet übergeben, nicht zuletzt: ein bereichertes Gebetsleben führen. Dazu inspiriert mich immer
wieder meine tapfere Frau.

Noch einmal ganz gesund?
Zum anderen habe ich mich auch noch nicht gesundheitlich aufgegeben. Nicht nur, weil mir erst kürzlich von zwei Seiten versichert wurde, es seien Fälle meiner Art bekannt geworden, wo medizinisch unerklärliche "Spontanheilungen" erfolgt seien. Als ich in meiner ersten schweren Gesundheitskrise mit hohem Fieber im Bett lag, fasteten und beteten die Mitglieder meines Hauskreises mehrere Tage lang. Sie erhielten den übereinstimmenden Eindruck, ich würde
dank Gottes Eingreifen noch einmal ganz gesund werden. Als ich selber längere Zeit danach dieses Anliegen zum Gegenstand eines inständigen Gebets gemacht hatte, bekam ich in der folgenden Nacht im Traum die - ich möchte sagen: akustische -Antwort: "In diesem Falle besteht eine
Heilungsmöglichkeit."

Ich werde des Herrn Werke verkündigen
Etwas Ähnliches ereignete sich an meinem letzten Geburtstag im vorigen Jahr, als es mir gesundheitlich sehr schlecht ging und ich aus Platzmangel in einem Geräteraum der Klinik lag. Kurz vorher hatte man meine Frau schon für alle Fälle gebeten zu kommen. Ich hörte plötzlich überraschend das Wort aus Psalm 118, Vers 17: "Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen." Das hatte für mich noch einen besonderen Gesichtspunkt, der mir unvermittelt vor Augen kam: In den letzten Jahren habe ich eine Vielzahl geistlicher Gedichte und Lieder verfaßt, die in dicken Ordnern vor sich hin altern. Jetzt also "kaufe ich die Zeit aus", indem ich versuche, sie druckreif zu überarbeiten und zu veröffentlichen.

Jeder Tag ist unendlich wertvoll
"Des Herrn Werke verkündigen", das soll auch sonst viel mehr als früher Grundlage meiner verbleibenden Lebenszeit sein. Ich konnte inzwischen manchem Besucher und auch Nachbarn ein glaubwürdigerer Zeuge sein, als es ohne diese Krankheit möglich gewesen wäre.
Mit Krebs leben - als Jünger Jesu sollte man das können. Jeder neu geschenkte Tag, vor allem wenn er nicht von größeren Beschwerden geprägt ist, wird unendlich wertvoll. Jede Freude an Gottes Gaben, auch die kleinste, jede menschliche Zuwendung, gilt es zu genießen. Das steigert die Vorfreude auf das, was einmal sein wird und woran ich froh und fest glauben darf - ganz bei ihm zu sein.

GEBET
Ich bitte, Vater, nicht, du wollst mir geben
ein müheloses, lastenfreies Leben
auf Wegen, die bequem, gerad und eben.
Nicht Sattheit, Reichtum ist, was ich begehre,
nicht Anerkennung, Menschenruhm und Ehre.
Nicht, daß kein Leid, kein Siechtum mich beschwere,
Gefahr, Not, Unheil drohe meinen Schritten,
noch Festigkeit ermangle meinen Tritten.
Um dieses alles will ich dich nicht bitten -
nur um Gewißheit, daß du auf mich blickst
und daß mir alles frommt, was du mir schickst,
daß auch in schwerer Zeit du mich erquickst,
weil dir ja meine Schwachheit ist bekannt.
Bleib, Vater, mir in Liebe zugewandt,
und halt mich ewig fest in deiner Hand.

Felicitas, seine Frau, 1999:
Er ordnete alles
Mein Mann schrieb seinen Bericht 1994. Er lebte dann noch zweieinhalb Jahre. In dieser Zeit besserte sich seine Verfassung zunächst deutlich, er konnte sogar noch einmal für ein paar Tage verreisen. Doch dann schlug Walters Gesundheitszustand um, er wurde immer kurzatmiger und schwächer. Trotzdem war er noch aktiv: Er leitete vom Krankenbett aus ein letztes Mal die Vorstandssitzung unseres kirchlichen Fördervereins, nahm am Hauskreis teil. Seine Tapferkeit und Glaubensstärke machten einen unwahrscheinlichen Eindruck auf alle um ihn herum, Nachbarn, Verwandte und Freunde. Aber offensichtlich ging die Zeit der Besserung dem Ende zu - seine Kräfte nahmen mehr und mehr ab, und er wurde fest bettlägerig. Walter ordnete alles: Er schlug einen Nachfolger für den Vereinsvorsitz vor und übergab mir aufgeräumte Akten.

"Nun ist alles gut!"
Dann ließ er sich dankbar von mir pflegen. Ich empfand es als ein besonderes Geschenk, daß ich meinen Mann ohne fremde Hilfe zuhause versorgen konnte.
In den letzten Tagen war er sehr benommen. In einem klaren Augenblick sagte er: "Feli, nun ist alles gut!" Ich denke, er hatte sich in dem Moment ganz in den Willen Gottes hineingegeben und seinen Frieden gefunden.

"Vivit - er lebt!"
Rückblickend war es eine furchtbare Zeit, die wir durchleben mußten, aber Gott hat uns Schritt für Schritt vorbereitet und durchgeführt, so daß es nie mehr war, als wir ertragen konnten. Ich kann nur staunen, wie treu unser Gott gerade in solchen dramatischen Zeiten handelt.
Am Beerdigungstag las ich morgens in der Andacht (es war Osterzeit) das lateinische Wort "vivit" - er lebt. Am Grab kondolierte dann jemand aus unserer Gemeinde: "Feli, hörst Du den Vogel singen? Vivit - er lebt!" Das war eins von mehreren Zeichen, die Gott mir gegeben hat, und nach der Feier sagten viele: "Es war ein schöner Tag. Gottes Gegenwart war zu spüren."

Aus Leid etwas Gutes
Bei den Nachbarn hat Walters Haltung in der Krankheit große Achtung, Vertrauen und eine Öffnung für Gottes Wirken hervorgerufen. Neun Nachbarn kamen zu seinem Begräbnis, drei besuchen unseren Hauskreis. So läßt Gott auch aus Leid etwas Gutes entstehen.
Ich habe inzwischen viel mit Menschen zu tun, die durch schwere Zeiten gehen, und ich ermutige sie gern in dem Vertrauen, daß Gott uns in seiner Liebe und Kraft zur Seite stehen will - und zwar so deutlich, daß wir nur staunen können. Ich kann nur sagen: Es tut gut, den Blick von der Traurigkeit weg auf Jesus Christus zu richten - er schenkt neues Vertrauen.

Kontakt:
Felicitas Rose
17 Woodcock Lane,
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Tel: 001/573 927 2026
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