Erlebt
 

Kerstin Nunweiler
Aber Gott hatte einen anderen Plan
Am 23.01.2001 verlor ich meinen Ehemann Rainer durch Leukämie. Er wurde nur 26 Jahre alt.

Kerstin und Rainer Nunweiler

Eine hartnäckige Grippe?

Alles begann Ende April 2000. Rainer fühlte sich körperlich unwohl, war erkältet und hatte Fieber, also typische Grippesymptome. Allerdings erwies sich diese „Grippe“ als ziemlich hartnäckig. Mitte Mai entdeckte er plötzlich vermehrt blaue Flecken und an den Waden Blutpünktchen.
Als Krankenpfleger wurde er daraufhin stutzig und konsultierte einen Internisten. Dieser erklärte uns, dass eine schwerwiegende Bluterkrankung vorliege und Rainer sofort ins Krankenhaus müsse. Ziemlich geschockt packten wir. Eine von Rainers ersten Befürchtungen war, dass er mich nicht nach drei Ehejahren schon zur Witwe machen wollte. Für mich war dieser Gedanke völlig abwegig.

Realität im Krankenhaus

Im Krankenhaus wurde festgestellt, dass Rainer ohne Behandlung nicht mehr lange überlebt hätte. Seine weißen Blutkörperchen hatten sich bereits explosionsartig vervielfacht und die körpereigene Abwehr war so gut wie außer Kraft gesetzt. Deshalb wurde er auch gleich isoliert: Nur völlig gesund und mit Mundschutz, Kittel und desinfizierten Händen durfte man in sein Zimmer. Sofort wurde mit der Chemotherapie begonnen.

Mir fiel die schwere Aufgabe zu, die Familie zu informieren, obwohl ich diesen Befund selbst noch gar nicht fassen konnte. Alle reagierten völlig schockiert.



Eine beispiellose Hilfsaktion

Es folgten drei Monate, in denen Rainer fast nur im Krankenhaus lag. Die Suche nach einem passenden Spender zur Knochenmark- bzw. Stammzellentransplantation - die einzige Chance auf Heilung - blieb erfolglos. Deshalb rief das Donnersberger Krankenhaus in Kirchheimbolanden, in dem Rainer auf der Intensivstation gearbeitet hatte, eine große, beispiellose Hilfsaktion ins Leben. Zusammen mit der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, wurden Aktionstage zur Spendersuche organisiert.

Um im Vorfeld Geld für die Kosten der Blut-Typisierungen zu sammeln, wurde unter anderem ein Rockkonzert veranstaltet, die Erlöse von Festen und Basaren wurden zur Verfügung gestellt, es fand ein Fußball-Benefiz-Spiel statt, und viele andere kreative Ideen gerade von Kindern ließen das Spendenkonto rasch anwachsen. Die Lokalpresse berichtete.

Die schlimmste Leukämieart

Anfang August waren die Ärzte in Kaiserslautern mit ihren Therapien am Ende. Rainer hatte die schlimmste Form der lymphatischen Leukämie, die durch das Philadelphia-Chromosom ausgelöst wird. Bei diesem genetischen Fehler bildet sich ein neues Chromosom aus zwei abgespaltenen Hälften und setzt sich auf die Stammzellen. Sie sind für die Produktion der Blutkörperchen zuständig. Dort wirkt es wie ein Katalysator: Unmengen von weißen Blutkörperchen werden produziert, die aber wirkungslos sind. Durch gewöhnliche Chemotherapien bekommt man diesen Defekt nicht in den Griff.
Rainer wurde in die Frankfurter Uni-Klinik überwiesen, weil dort mit einem Medikament therapiert wird, das das Philadelphia-Chromosom direkt angreift. Nach all den Fehlschlägen für uns ein Hoffnungsschimmer, auf den wir setzten.

Neuer Mut und Enttäuschung

Es gab zwei Aktionstage zur Stammzellen-Spendersuche im Oktober und November 2000 in unserem Heimatort Rockenhausen und in Kirchheimbolanden. Insgesamt 2.600 Menschen ließen ihre Blutprobe typisieren. Im Laufe der Monate kam auf dem Spendenkonto die beachtliche Summe von 320.000 DM zusammen. Diese Welle der Hilfsbereitschaft machte uns sprachlos, da wir nie mit einer solchen Resonanz gerechnet hätten. Es tat gut, die Solidarität, das Mitfühlen und Mittragen zu erleben.
Das gab uns natürlich neuen Mut, gerade auch weil kurz zuvor die Therapie in Frankfurt fehlgeschlagen war: Das Medikament griff bei Rainer nicht, und die Leukozytenzahl schoss wieder nach oben.

Die Zeit von Oktober bis Dezember verbrachte Rainer hauptsächlich im Krankenhaus. Er musste weitere Chemotherapien über sich ergehen lassen, um seine Blutwerte einigermaßen stabil zu halten. Die Nebenwirkungen waren heftig, und er war die meiste Zeit aufgrund seiner Infektionsgefährdung isoliert - für ihn eine zusätzliche psychische Belastung. Während dieser Monate mussten wir erleben, dass alle Therapien fehlschlugen. Wir richteten all unser Vertrauen auf Gott.

Ein Spender!
Als dann am 22. Dezember die Nachricht von einem geeigneten Spender kam, sahen wir das als direktes Zeichen für Gottes Eingreifen und glaubten sicher, dass Rainer wieder gesund werden würde. Nach all den Fehlschlägen endlich wieder die große Hoffnung.
So verbrachten wir die Weihnachtsfeiertage glücklich und voller Zuversicht zu Hause, auch wenn wir wussten, dass selbst mit dieser Chance noch ein harter Weg vor uns liegen würde.
 
Schreckliche Wende

Gleich zu Beginn des neuen Jahres aber musste Rainer wieder ins Krankenhaus, da sich seine Blutwerte stark verschlechterten. Die Ärzte testeten eine neuartige Antikörper-Therapie, aber auch diese schlug fehl, und sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich rapide. Eine Transplantation war unmöglich.
Mitte Januar machten uns die Ärzte keine Hoffnungen mehr, und ihnen blieb nichts anderes mehr übrig, als ihm wenigstens seine Schmerzen zu nehmen: Morphium versetzte ihn in eine Art künstlichen Schlaf, er war nicht mehr ansprechbar.

Ist es das Ende?

Die folgenden zehn Tage war ich Tag und Nacht bei ihm, in dem Bewusstsein, dass er es nur noch schaffen kann, wenn Gott ein Wunder tut. Familie und Freunde beteten mit mir an seinem Krankenbett, alles in dem festen Glauben, dass Gott eingreifen würde, jetzt wo wirklich alles Menschenmögliche fehlgeschlagen war.

Aber Gott hatte einen anderen Plan. Am 23. Januar ist Rainer gestorben.
Es war und ist für mich schwer zu verstehen, warum Gott ihn nicht geheilt hat. Da kommt Wut auf und die Frage „Warum lässt Gott das zu?“, schließlich hatte Rainer noch sein ganzes Leben vor sich. Er selbst hat seine Krankheit bewundernswert getragen, nie seinen Humor verloren und alle um ihn herum noch ermutigt und aufgebaut.



Gott bleibt die Kraftquelle

Ich habe bis heute auf viele meiner Fragen keine Antworten, wahrscheinlich werde ich sie hier auf der Erde auch nicht erhalten. Die wichtigste Erfahrung für mich war, dass mich Gott durch die ganzen Monate hindurchgetragen hat, dass er eine unerschöpfliche Kraftquelle ist. Nur so konnte ich Rainer die Unterstützung geben, die er gebraucht hat. Aus mir selbst heraus hätte ich das nie durchstehen können.
Ich habe erfahren, wie wichtig und schön es ist, Freunde, Familie und eine christliche Gemeinde zu haben, die hinter mir stehen und meine Lasten mittragen.

Eine neue Zukunft

Am 23. Januar 2001 ist meine Welt zusammengestürzt. Mein ganzes Leben war nur noch ein Scherbenhaufen. Nun ist ein dreiviertel Jahr vergangen, und ich weiß bis heute nicht, warum Rainer gehen musste. Ich musste lernen, mit dieser Entscheidung Gottes zu leben.

Aber ich durfte Gottes Liebe, Fürsorge und Treue erleben. Er hat mir vor kurzem das größte Geschenk gemacht, indem er mir einen anderen wundervollen Mann zur Seite gestellt hat. Natürlich ist damit die Trauer um Rainer nicht vorbei, aber es lässt sich vieles leichter ertragen. Für mich ist diese neue Beziehung ein echtes Geschenk Gottes, in dem ich deutlich seine Liebe zu mir spüren kann, da er mir dadurch eine neue und schöne Perspektive für mein Leben geschenkt hat.

Kontakt:
Kerstin Nunweiler
Kreuznacher Str. 27
67806 Rockenhausen
Kerstin@Nunweiler.de

MENSCHEN

Erika Pailer
Brigitte Berief-Schwarz
Felicitas Rose
Wolfgang Knuth
Katrin Özcan
Marlen von Kunhardt
Ingrid Kretz
Eva-Maria Hauser
Kerstin Nunweiler
Bianka Bleier

proLIFE - Hilfe für Krebspatienten
Walderdorffer Hof | Fahrgasse 5 | 65549 Limburg | E-Mail: info@prolife.de

Spendenkonto: 800 619, Limburger Volksbank, BLZ 511 900 00
TYPCOLOR & Hochhardt & Partner